Mushroom Atlas

Aufbau und Eigenschaften der Pilze

Der Pilzthallus – das Myzel – wächst aus einer Spore und besteht aus sehr feinen, mit bloßem Auge unsichtbaren Fäden, den Hyphen; diese sind meist verzweigt, miteinander verflochten und verfilzt, rund, pigmentiert oder blass, bei den niederen Pilzen ohne Querwände (Septen), bei den höheren Pilzen septiert.

Jedes Segment enthält einen bis ein gutes Dutzend Zellkerne sowie Zytoplasma mit Ribosomen, Mitochondrien und anderen Organellen. Meist besteht das aus einer Spore gewachsene Myzel aus zwei funktionell verschiedenen Teilen: dem Substratteil (vegetativen Teil), der den Pilz mit Wasser und Nährstoffen versorgt, und dem Oberflächenteil (generativen Teil) – dem Fruchtkörper, dessen biologische Bestimmung darin besteht, Sporen reifen zu lassen und zu verbreiten.

Bei einigen Pilzen (zum Beispiel manchen Boviste, Trüffeln und Endophyten) verlaufen beide Entwicklungsstadien des Myzels ausschließlich im Substrat (Boden, Holz).

Aus biologischer und physiologischer Sicht sind beide Entwicklungsphasen des Myzels untrennbare, im Leben des Pilzes sehr wichtige Teile. Das vegetative Myzel ist meist mehrjährig, das generative dagegen einjährig; nur bei einigen, zum Beispiel vielen Porlingen, ist es mehrjährig.

Im Lauf der evolutionären Prozesse in der Natur entstand das Myzel nicht auf einmal; es bildete sich sehr allmählich heraus. Das Myzel der ersten Pilze war sehr primitiv – nur ein nackter Protoplast (Protoplasma und Zellkern), nicht einmal mit einer Membran. Noch heute, nach vielen Millionen Jahren, findet man parasitische Pilze von solchem Bau in den Körpern von Tieren oder Pflanzen.

Manche Pilze, zum Beispiel Hefen, bilden kein vegetatives Myzel; für sie ist es viel bequemer, als einzelne, sprossende Segmente (Zellen) zu leben und sich zu vermehren. Die ursprünglichen einzelligen Pilzorganismen waren jedoch kümmerliche, zarte kleine Geschöpfe. Mit der Zeit veränderten und vervollkommneten sich ihre physiologischen und biologischen Bedürfnisse, ihre morphologischen Merkmale wandelten sich, und auch die Pilze veränderten sich und passten sich immer besser an die Umweltbedingungen an. Betrachtet man zum Beispiel einen Steinpilz oder einen anderen Hutpilz oder Porling, kann man sich kaum vorstellen, welch langen Evolutionsweg er zurücklegen musste.

Das vegetative Myzel ist ein empfindliches und zugleich kräftiges Netz sehr feiner Hyphen (1–20 µm und dicker). Man schätzt, dass die Länge der Hyphen in 1 cm3 Boden 40 bis 120 m erreicht. Dass das Myzel mancher Pilzarten einjährig, das anderer mehrjährig ist, weiß selbst der aufmerksamere Pilzsammler, der Jahr für Jahr zu seinen Lieblingsplätzen eilt, um Steinpilze zu sammeln. Das Myzel wächst an seinen Spitzen und breitet sich strahlenförmig nach allen Seiten aus; die Wachstumsgeschwindigkeit einzelner Arten ist unterschiedlich, bei Hutpilzen beträgt sie zum Beispiel 10–20 cm, selten 30–50 cm pro Jahr.

Im Wald sieht man nur den Fruchtkörper des Pilzes, d. h. sein Fortpflanzungsorgan (das generative Myzel), während sein anderer Teil – das vegetative Myzel – im Substrat (Streu, Boden, Holz) sitzt. Übrigens sind einige Pilze homothallisch: Bei ihnen wächst ein Myzel aus einer einzigen Spore und bringt später auch Fruchtkörper hervor, zum Beispiel bei Dungpilzen.

Die meisten Pilze sind jedoch heterothallisch, d. h. Pilze, die Fruchtkörper nur im Stadium des sekundären (dikaryotischen) Myzels bilden, wenn das Myzel aus zwei Sporen unterschiedlichen Potenzials (männlich und weiblich) wächst, zum Beispiel Steinpilze, Pfifferlinge usw. Das sekundäre Myzel ist mehrjährig, während bei heterothallischen Pilzen ein aus einer einzigen Spore gewachsenes Myzel kurzlebig ist und keine Fruchtkörperanlagen bildet oder hervorbringt.

Wesen und biologische Bestimmung des Fruchtkörpers ist es, Sporen zu bilden, reifen zu lassen und zu verbreiten. Er ist also ein Pflegekind der Natur, von ihr großgezogen und vervollkommnet, und gleichsam als Gegenleistung muss er möglichst viele Sporen zur Reife bringen und verbreiten, denn dies ist im Leben jeder Pilzart außerordentlich wichtig. Form, Größe und Farbe der Fruchtkörper einzelner Arten sind sehr unterschiedlich und hängen von den Umweltbedingungen und der Lebensweise ab. Schon als Anlage hat der Fruchtkörper zwei Aufgaben – Sporen reifen zu lassen und sie zu verbreiten.

Die Lebensdauer eines Fruchtkörpers ist, abgesehen von einigen Porlingen, sehr kurz (von einigen Stunden bis zu einem guten Dutzend Tagen), und die Menschen sind überzeugt, dass Pilze sehr schnell wachsen. Das stimmt zum Teil. Doch was sie Pilz nennen, ist nur der oberirdische Teil des Pilzes – der Fruchtkörper, der unter guten Bedingungen tatsächlich schnell wächst.

Doch wie lebt das für uns unsichtbare vegetative Myzel? Wie es überwintert hat und wann es mit dem Wachsen beginnt, lässt sich nur vermuten.

Man nimmt an, dass es im zeitigen Frühjahr erwacht und mit der gesamten lebenden Natur zu wachsen beginnt, wenn die Bodentemperatur auf 5–8 °C steigt, während sein intensives Leben bei nicht weniger als 15–18 °C beginnt. Erst nach einigen Monaten beginnen sich die Fruchtkörperanlagen zu bilden; da sie unterschiedlich alt sind und in unterschiedlicher Tiefe liegen, bilden sie Fruchtkörper, die zu verschiedenen Zeiten an der Oberfläche erscheinen. Erst von diesem Moment an wächst ein Steinpilz, eine Rotkappe oder ein anderer Hutpilz bei ausreichender Wärme und Feuchtigkeit wirklich sehr schnell, wobei sein Hut um 1,5 bis 5 cm pro Tag zunimmt. Damit sich das vegetative Myzel erholen, kräftigen und neue potenzielle Lebenskräfte gewinnen kann, braucht es die entsprechende Menge an Wärme, Feuchtigkeit und Licht; eine beträchtliche Rolle spielen auch das CO2 und der Austausch anderer Gase, ja sogar Wind und das gesamte Mikroklima.

Ein Steinpilz, ein Birkenpilz, ein Pfifferling, ein Täubling oder jeder andere Pilz wächst also, wie eine Gurke, ein Kohlkopf oder eine Kartoffel, nicht in wenigen Tagen, sondern über mehrere Monate. Wenn wir Pilze sammeln, sollten wir das wissen und behutsamer sein: Reißen wir nicht die Streu auf, wühlen wir nicht im Moos und zerstören wir keine Pilzstandorte auf der Suche nach winzigen Steinpilzen oder Pfifferlingen.

Die Welt der Pilze ist sehr vielfältig; viele von ihnen unterscheiden sich nicht nur in ihrem Aufbau, sondern auch in den Besonderheiten ihres Lebens.