Klassifikation der Pilze
Die Gesamtheit der Umweltbedingungen, die die Lebensweise, das Verbreitungsgebiet und die Häufigkeit der Population einer bestimmten Pilzart bestimmt, nennt man das Biotop der Art. Die Biotope einzelner Arten sind unterschiedlich groß. Je kleiner das Biotop, desto geringer die Chance der Art, sich auszubreiten, und davon hängt das Überleben dieser Art oder sogar eines einzelnen Individuums ab. Deshalb strebt jede Art, gleichsam von der Natur belehrt, mit allen ihr verfügbaren Mitteln danach, ihre angeborenen Eigenschaften zu bewahren und zu vervollkommnen, und sucht die Grenzen ihres Biotops irgendwie zu erweitern, niemals aber einzuengen.
Die Ausbreitung der Pilze und ihre Anpassung an ein bestimmtes Biotop werden von folgenden recht wichtigen Faktoren bestimmt: dem Hyphenaufbau des Pilzthallus, seiner Wuchsform, dem Kontakt des Thallus mit dem Substrat, dem aktiven Stoffwechsel seiner Zellen, der raschen Eroberung des Substrats, der großen Anpassungsfähigkeit und der Fähigkeit, giftige Stoffe zu bilden, um den eigenen Lebensraum zu bewahren oder zu erweitern.
Um die Beziehungen zwischen einzelnen Pilzarten, die Pilze selbst, ihre Lebensweise, ihren Einfluss auf die Umwelt und die Möglichkeiten ihrer Nutzung besser zu verstehen, muss man zunächst die Pilzarten erforschen, feststellen, wie viele es gibt, und sie erst dann klassifizieren, d. h. ein System des Pilzreiches aufstellen.
Zur Bezeichnung der Pilznamen verwendet man, wie bei Pflanzen, Tieren und anderen lebenden Organismen, sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der populären Literatur die von C. Linné im Jahr 1733 eingeführte binäre (zweiteilige) Nomenklatur. Jeder Pilz (jede Pflanze und jedes Tier) wird lateinisch mit zwei Wörtern benannt. So ist zum Beispiel bei Boletus aereus – dem Schwarzhütigen Steinpilz – das erste Wort der Gattungsname, der immer mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben wird, und das zweite der Artname, der klein geschrieben wird.
Das natürliche System der Pilze (wie der gesamten lebenden Welt) existiert nur in der Natur, während die Wissenschaftler auf Grundlage der vorhandenen Daten und fundierter Kenntnisse lediglich versuchen, eine möglichst vollkommene und überzeugende künstliche Klassifikation zu schaffen. Derzeit ist mehr als ein System der Pilzklassifikation veröffentlicht; die Mykologen verstehen sie unterschiedlich und legen sie verschieden aus. Ein einheitliches, für alle Mykologen annehmbares System der Pilze gibt es bislang nicht.
Nach der neuesten, 1995 veröffentlichten Klassifikation wurde die Welt der Pilze in 11 Abteilungen gegliedert. Doch kaum fünf Jahre später, als sich neue wissenschaftliche Fakten angesammelt hatten, wurde dieses System der Pilze präzisiert und korrigiert. Die von Moreau, 1978 vorgelegte Klassifikation der Pilze ist in der mykologischen Literatur bis heute beliebt. Mitosporische Pilze haben kein sexuelles Stadium oder haben es verloren (meist Ascomyceten oder einige Basidiomyceten) und bilden daher keine eigene Abteilung. In der älteren Literatur wurden sie in eine eigene Abteilung (Deuteromycota) gestellt. In jüngster Zeit wurden die Schleimpilze (Myxomycota) in das Reich Protista und die Oomyceten (Oomycota) in das Reich Stramenopila überführt.
Als Begründer der Systematik des Pilzreiches gilt der schwedische Botaniker Elias Fries (E. Fries, 1794–1878). In den Jahren 1821–1822 legte er in seinem Werk „Systema mycologicum“ ein System der Pilze vor, dessen Grundlagen bis heute nicht veraltet sind.